19. Januar 2014 Saarbrücken

 
 

Laudatio von Heiner Brand zum 60. Geburtstag

 

Lieber Jo,

natürlich habe ich mich sehr gefreut, als ich gebeten wurde, die Laudatio zu Deinem 60. Geburtstag zu halten.

Aber ich verhehle auch nicht, dass es weiß Gott leichtere Aufgaben gibt. Denn ich sehe ja schon den Schalk in Deinen Augen, diese zurückgehaltene Amüsiertheit und Deine diebische Vorfreude, später dann die eine oder andere Bemerkung mit feiner Ironie zu kommentieren.

Wir haben in gut vier Jahrzehnten beide so viel gemeinsam erlebt, dass wir uns eigentlich - wie einst auf dem Spielfeld – ja auch ohne große Worte verstehen.

Aber hier und heute, noch dazu vor so vielen gemeinsamen Freunden und illustren Gästen, will ich aus meinem Herzen natürlich auch keine Mördergrube machen. Da musst Du nun durch.

Jo, es gibt unzählige Menschen, die zu Dir aufblicken. Und ich bin einer von denen.

Als Du 1973 als 19jähriger Spieler  aus dem für mich damals so fernen und unbekannten Saarland in mein Oberbergisches Land kamst, da waren es nicht Deine Athletik, Deine Schnelligkeit oder Deine Wurfkraft , die mich am meisten beeindruckten, es war Deine ruhige, zurückhaltende Art, wie Du mit all der Hektik, mit den Aufgeregtheiten im Training und im Spiel umgingst, Deine Fröhlichkeit und Dein Lachen.  Das hat uns allen unglaublich gut getan.

Du warst in Deinem ersten Leben, wie es in Deiner Biografie heißt, ein Eckpfeiler für uns Mannschaftskameraden beim VfL Gummersbach und in der Nationalmannschaft. Du hast uns beflügelt und zu vielen Erfolgen mitgerissen.  Ohne Dich hätten wir die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Montreal nicht geschafft. Ohne Dich wären wir 1978 in Dänemark sicher nicht Weltmeister geworden. Keiner, der damals dabei war, wird das je vergessen.

Dass es nirgendwo Widerspruch gab, wenn Du als bester Handballspieler der Welt bezeichnet wurdest, spricht für sich. Es waren aber schon damals nicht nur Deine sportlichen Fähigkeiten, die Dich so weit herausragen ließen.   Wie kein anderer Ausnahmespieler hast du nie den Respekt gegenüber Deinen Mitspielern vermissen lassen. Du hast uns immer spüren lassen, dass du Handball als eine Mannschaftssportart betrachtest und hast wie selbstverständlich Deine Fähigkeiten in den Dienst der Mannschaft gestellt.

Dieses außergewöhnliche Verhalten macht erst den ganz großen Sportler aus. Insofern war auch der Titel Deiner Biographie „Teamgeist“ genau richtig gewählt.

Als Handballer schwebten wir damals gemeinsam mit Dir auf Wolke 7. Wir fühlten uns in unserer Stärke quasi unantastbar.

Der Absturz am 30. März 1979 war fürchterlich.

Ich hatte Dir den Ball zugespielt, Du machtest eine schnelle Drehung – und dann der Zusammenprall mit Lajos Pánovics. So etwas passiert im Handball immer wieder. Und deshalb konnte in diesem Moment keiner von uns ahnen, was da wirklich passiert war.

Dein erstes Leben war von einem Moment auf den anderen beendet. Auch dies wird keiner, der es mit ansehen musste, jemals vergessen.

Der Schock hielt an, eine unglaublich lange Zeit. 131 Tage warst Du im Koma, in diesem Niemandsland des Lebens. Ich hoffe, es ist nicht makaber, wenn ich sage: Sei froh, dass Du diese Zeit nicht mitbekommen hast.

Wenn wir alle Dich zuvor schon als Spieler in höchster Weise geschätzt hatten, so war das aber nichts zum Grad der Bewunderung für Deine Art, Dein zweites Leben ohne Wenn und Aber anzunehmen. Wieder ein Leben voller Kampf, jetzt schon 35 Jahre lang, und wieder ein Leben, in dem Du auf ganz neue Art und Weise für unzählige Menschen zum Vorbild wurdest.

Auch dafür bin ich – und sind es gewiss viele andere auch – überaus stolz auf Dich. Du lehrst uns Demut und machst uns Mut.

Das hat sich auch vor kurzem gezeigt, als wir in Tatabánya waren, in der Halle, wo vor 35 Jahren der Unfall passierte, gemeinsam mit Lajos Pánovics. Und es war ganz typisch für Dich: Wir mussten nicht Dich trösten, Du hast uns getröstet.

TEAMGEIST spielt auch in Deinem zweiten Leben wieder eine ganz besondere Rolle. Denn es war und ist ein wirklich ganz überragendes Team von Freunden und Betreuern, von Ärzten und Therapeuten, das Dich umgibt, Dich fördert und fordert. Solidarität – das zeigt sich hier ganz deutlich – ist keine Einbahnstraße.

So war es auch alles andere als überraschend, dass Du im vorigen Jahr in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen wurdest. Darüber bin ich persönlich ganz besonders froh. Denn ich habe mich in diesem Kreis ohne Dich sehr merkwürdig gefühlt. Wenn jemand diese Auszeichnung, diese Ehrung in wirklich jeder Hinsicht verdient hat – dann Du.

Ich bin dankbar für unsere lange Freundschaft. Du kannst immer auf mich zählen. Und ich weiß, dass es umgekehrt genauso ist.

Alles Liebe und Gute, Jo.

 

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